Logbuch-Eintrag, , Jita 4-4, Caldari Navy Assembly Plant.
Offene Flotte
Da bin ich also in Jita 4-4. Kein Onboarding mehr, kein vorgeschriebener nächster Schritt. Das ist angenehm. Aber was fängt man mit seiner neugewonnenen Freiheit an? Aura legte mir im Neocom unter „Gelegenheiten“ bereits die nächste „Epic Arc“ vor. Warum nicht.
Der Auftrag führte in die Sphäre von ORE. Outer Ring Excavations ist der größte unabhängige Bergbaukonzern New Edens. Er fördert nicht nur Erz, sondern entwickelt auch Bergbauschiffe und die Technik dafür. Der Auftrag selbst begann mit einer vermissten ORE-Mitarbeiterin. Offenbar wollte niemand erklären, was mit ihr geschehen war. Leider kann ich hier nicht in die Details gehen — ich habe jemandem mein Wort gegeben, darüber nicht öffentlich zu sprechen. Es war keine Routinearbeit, und es hat sich gelohnt.
Für die erste Mission sollte ich eine gefittete Venture mitbringen. Ich hatte noch eine in Manifest liegen, also flog ich zurück. Schneller wäre es gewesen, eine neue in Jita zu kaufen, aber ich wollte die ISK noch beisammenhalten.
Die Venture ist eine Mining-Fregatte — das erste Bergbauschiff, das die meisten Kapselpiloten kennenlernen. Zwei Mininglaser, ein überschaubarer Mining Hold. Günstig genug, dass man im Belt keine Verlustrechnung im Kopf führen muss.
Für die zweite Mission bekam ich eine fabrikneue Pioneer geschenkt. Der Miningdestroyer hat mehr Mininglaser, einen deutlich größeren Mining Hold und eigene Ertragsboni. Gegenüber der Venture war der Unterschied sofort spürbar.
Ich konnte allerdings noch nicht einmal einsteigen. Die nötigen Skills fehlten mir; bis eben hatte ich nicht gewusst, dass es diese Schiffsklasse überhaupt gibt.
Die Trainingsqueue zeigte mehr als einen Tag. Für jemanden ohne Kapselanschluss wäre ein Tag Ausbildung für eine unbekannte Schiffsklasse absurd kurz gewesen. Als Kapselpilotin kann ich das nötige Wissen über meine neuronalen Schnittstellen direkt verankern. Mir war selbst dieser eine Tag zu lang: Ich wollte die Mission jetzt fliegen. Also verwendete ich einen Teil der 1.000.000 freien Skillpunkte aus meinem einmaligen Startpaket.
Mining liegt mir, das wusste ich bereits. Es ist entspannend, sich einen Asteroiden nach dem anderen vorzunehmen. Aufschalten, Laser aktivieren, den Mining Hold im Blick behalten. Der gleichmäßige Ablauf hat etwas Meditatives, und der Kontostand wächst dabei stetig. Ich hatte mir vorgenommen, auch andere Tätigkeiten auszuprobieren. Aber nachdem ich mit der Pioneer so ein ordentliches Schiff bekommen hatte, wollte ich es nach der Arc nicht gleich wegstellen.
Im Flottenfinder stieß ich auf eine offene Miningflotte, ein paar Sprünge entfernt: kostenloser Boost, kein Eintrittspreis, eine Orcapilotin als Organisatorin.
Ich flog hin, trat über den Flottenfinder bei und warpte zu einem Mitglied. Wenig später stand ich in einem Asteroidenbelt zwischen Schiffen, die wesentlich größer waren als meins. Am meisten Eindruck machte die Orca der Pilotin Nilja.
Eine Orca ist ein Industriekommandoschiff. Nilja hatte im Flottenhangar fertig gefittete Ventures bereitgestellt, damit neue Piloten direkt loslegen konnten, ohne erst etwas kaufen zu müssen. Der Belt wartete nicht auf Ausrüstungsbesorgungen.
Dazu kommt der Mining-Boost: In der Nähe der Orca förderte ich mit der Pioneer merklich mehr, als es mir allein möglich gewesen wäre. Mehr Erz, mehr ISK.
Das wichtigste Feature war der Kompressor. Normalerweise: Laser an, Mining Hold füllt sich, zur Station, abladen, zurück. Das kostet Zeit. Mit dem Kompressor presst man das Erz direkt an der Orca auf einen Bruchteil seiner Größe zusammen. Für das Abladen musste ich keine Pause mehr machen; der Mining Hold hielt gefühlt ewig. An einem Nachmittag baute ich mit der Pioneer Erz im Wert von über 20 Millionen ISK ab, ohne einmal eine Station anzusteuern.
Der Betrieb einer Orca ist nicht kostenlos. Treibstoff, Burst-Ladungen, gebundenes Kapital: die Kostenstelle ist real. Nilja hat die Flotte aus eigenen Mitteln finanziert und keinen Eintrittspreis verlangt. Als angemessenes Trinkgeld gelten zehn Prozent des eigenen Ertrags, habe ich gelernt. Daran habe ich mich gehalten.
Im Flottenchat beantworteten erfahrenere Piloten bereitwillig jede Anfängerfrage. Ich habe dort gelernt, dass „o7“ Gruß und Abschied zugleich bedeutet — ein stilisierter Salut. Zum Abschied wünscht man sich „fly safe!“
Einmal trat jemand bei, der sich angeregt mit uns unterhielt und nebenbei von Anomalien und Wurmlochscans berichtete. Dann kamen Meldungen wie „Cheetah in home hole“ und „probes out in home hole“. Ich wusste weder, was ein Home Hole war, noch was das Wort „ Cheetah “ bedeuten sollte. Ein Slang-Ausdruck von Wurmlochbewohnern? Da niemand nachfragte, nahm ich an, das sei weiteres Flottenvokabular, das ich noch lernen musste.
Als Nilja ankündigte, alle sollten vor dem Beltwechsel ihre Drohnen reinholen, fragte er sofort, ob es Probleme gebe. Nun fragte ich doch, ob er im richtigen Flottenchat sei.
War er nicht. „IM IN THE WRONG FLEET!!!“, schrieb er, gefolgt von „OH MY GOD IM SO SORRY“. Er verabschiedete sich freundlich und ging. Die Auflösung sorgte im Flottenchat für einige Heiterkeit. „Cheetah in home hole“ musste ich also vorerst doch nicht lernen.
An den nächsten Tagen kehrte ich mehrfach zurück und trainierte ein paar Mining-Skills, damit ich mit besseren Modulen arbeiten konnte.
Eine Corporation wäre die institutionelle Variante gewesen. Bewerbung, Aufnahme, gegenseitige Erwartungen. Der Flottenfinder ist etwas anderes: Man erscheint, leistet einen Beitrag und geht. Kein Vorlauf, keine langfristige Verbindlichkeit — und man hat trotzdem ein paar Stunden lang mit anderen Kapselpiloten zusammengearbeitet, von denen man vorher keinen einzigen kannte.
Offene Flotten gibt es nicht nur für Mining. Missionen, Incursions, Exploration — der Flottenfinder listet, was gerade aktiv ist. Ausprobiert habe ich davon bisher nichts.
Mining wird nicht meine Haupttätigkeit. Aber wenn ich abbauen will und eine offene Flotte im Finder steht, trage ich mich ein. Mehr Ertrag und keine Stationsflüge sind Argumente genug.
Fly safe!
— Ariane Quell