Logbuch-Eintrag, , Pamirasu, AIR Career Center.
Exordium
Schon lange vor meiner Konversion hatte ich von Exordium gehört.
Eine Raumregion, gerade erst neu erschlossen. Neue Stationen, neue Routen, eine ganze Infrastruktur frisch hochgezogen.
Eigentlich merkwürdig, dass für Exordium so viel Aufwand betrieben wurde. Die Region ist nicht besonders reich an Ressourcen. Aber gut, das bedeutet wenigstens, dass sich auch weniger Leute hier die Köpfe einschlagen.
CONCORD und AIR haben in Exordium besondere Sicherheitsregeln durchgesetzt: Kämpfe zwischen Kapselpiloten sind nicht möglich. NPCs in Missionen interessiert das nicht, wie ich später noch lernen würde. Aus diesem Grund eignet sich die Region trotzdem hervorragend zur Ausbildung neuer Kapselpiloten. Wie mir.
Wer noch nicht selbst in einer Kapsel saß, kennt sie meist nur aus Bildern. Es ist ein eiförmiger Behälter voller Nährflüssigkeit. Ich schwebe darin. Sie hält meinen Körper am Leben und nimmt G-Kräfte auf, die mich sonst zerquetschen würden. Implantate im Schädel und am Rückenmark führen die Signale. Keine Tasten, keine Hebel. Die Kapsel hat einen eigenen kleinen Antrieb und ließe sich allein fliegen, wenn es sein muss. Meistens aber steckt sie in einer Schiffshülle. Und dann steuere ich das Schiff nicht. Ich bin das Schiff.
Dauerhaft lukrativ ist es hier in Exordium allerdings nicht. Die Erze geben weniger Mineralien, die Belohnungen fallen kleiner aus, und obendrauf gibt es noch eine Sondersteuer, die nur hier fällig wird. Sicherheit hat eben ihren Preis.
Aber egal. Für den Moment will ich es genießen, dass ich mich aufs Lernen konzentrieren kann, ohne ständig über die Schulter sehen zu müssen, wer gerade meinen Frachtraum prüft.
Meine erste Anlaufstelle war das AIR Career Center. Eine einzelne Station, in der fünf Karriereagenten sitzen und mich in die vier klassischen Professionen von New Eden einweisen sollten.
Enforcer. Hier lernte ich den grundlegenden Einsatz meiner Schiffe als Waffe. Und ich lernte: Verluste sind nicht das Ende. Manchmal muss man sie einkalkulieren. Wer zu ängstlich fliegt, macht keinen Profit. Wer aber fliegt, was er nicht ersetzen kann, hört irgendwann auf zu fliegen.
Glücksritter. Eng verwandt mit dem Enforcer, gleicher Grundton. Hier kamen die fortgeschritteneren Module dazu: Warpstörer zum Beispiel, die im Kampf gegen andere Pilotinnen ihren Platz haben, falls ich Exordium irgendwann verlassen sollte.
Genau diese Lektion durfte ich am Ende der Glücksritter-Reihe in der Praxis bestehen. Letzte Mission, Pamirasu 1.0. Ich dachte, ich könnte meine Ziele schnell mit meiner Ibis erledigen. Ging gründlich daneben. Der Terrorist Leader hatte einen Warpstörer dabei. Solange so etwas an dir klebt, kommst du nicht in den Warp. Ich kam nicht weg. Er nahm sich Zeit und legte meine Ibis Stück für Stück auseinander. Nur die Kapsel kam noch raus. Verlust: 35.738 ISK auf dem Papier. Real war es näher an null. Die Ibis war geschenkt, die Civilian Module kauft niemand. Lehrgeld war es trotzdem.
Zurück an der Station stieg ich in die Kestrel, die ich nach ihrem Spender „Fritz“ getauft hatte. Und Fritz regelt. Abgedockt, zurück zum Tatort, Spieß umgedreht. Der Terrorist Leader hatte ihr nichts entgegenzusetzen. Mein eigenes Ibis-Wrack trieb noch im Belt, als ich abdrehte.
Die Enforcer-Lektion stimmte also: Verluste sind nicht das Ende.
Entdecker. Mit Sonden Raumanomalien aufspüren. Manche bergen alte Strukturen oder moderne Kommunikationseinrichtungen, in die man sich mit dem passenden Werkzeug einhacken kann. In anderen Anomalien wachsen Gaswolken, die sich ernten und verkaufen lassen.
Bei den nächsten beiden Agenten fühlte ich mich beinahe zu Hause.
Industrielle. Hinter diesem Eintrag stecken gleich zwei Karriereagenten, mit ähnlichen Lektionen: Wie man Waren von A nach B bringt. Wie man Wracks plündert. Wie man Asteroiden abbaut und die Mineralien daraus raffiniert. Wie man Stationseinrichtungen nutzt, um aus Blaupausen und Mineralien neue Module zu bauen. Und, was ich erst lernen musste, dass es manchmal billiger ist, etwas auf dem Markt zu kaufen, statt es selbst herzustellen.
Was mir besonders an allen Karriereagenten auffiel: Sie sind nicht geizig. Aus den Missionen heraus sammelten sich neue Schiffe, neue Module, eine erste ernstzunehmende ISK-Summe. Jedem angehenden Piloten kann ich nur raten, sich bei diesen Herrschaften zu melden.
Ein Tipp am Rande: In manchen Missionen muss man sein eigenes Schiff zerstören. Wer es vorher gegen eine kleine Gebühr versichert, kann darauf hoffen, über die Prämie noch etwas zurückzubekommen.
Durch meine Vorgeschichte hätte ich erwartet, eher zu den „trockenen“ und „langweiligen“ Tätigkeiten zu tendieren: Asteroidenabbau, Raffinieren, Herstellung. Und vielleicht tue ich das tatsächlich. Aber die Kampfmissionen haben mir mehr Spaß gemacht, als ich gedacht hätte. Jetzt, da ich quasi unsterblich bin: Wer weiß, was außerhalb von Exordium noch auf mich wartet.
Vielleicht überrasche ich mich noch selbst.
— Ariane Quell